Der Fall, für den das alles da ist
Die meisten Notfälle am Berg sind keine Dramen. Sie sind Verzögerungen: Ein Knöchel knickt um, das Wetter kommt zwei Stunden früher als angesagt, die Seilschaft vor euch braucht am Fixpunkt eine halbe Stunde, und plötzlich ist es dunkel und ihr seid noch auf 3200 Metern.
In diesem Fall entscheidet nicht Technik, sondern ob du ein paar hundert Gramm dabeihast, die verhindern, dass aus Warten Auskühlung wird. Das ist der ganze Zweck der Notfallausrüstung – nicht der Rettungseinsatz, sondern die Stunden davor.
Biwaksack: beschichtet oder mit Membran
Ein Biwaksack ist ein wasserdichter Sack, in den du dich mit Schuhen und Rucksack setzt. Er wärmt nicht von sich aus. Er hält Wind und Nässe ab, und das ist bei Auskühlung der größere Faktor.
Beschichtetes Gewebe – das günstige Standardmodell. Hält dicht, ist leicht, kostet wenig. Innen wird es feucht, weil die Feuchtigkeit nicht raus kann. Für den Notfall völlig in Ordnung: nasse Kleidung in windstiller Umgebung ist deutlich besser als trockene Kleidung im Wind.
Membran (atmungsaktiv) – deutlich teurer und schwerer, dafür bleibt es innen länger trocken. Nur sinnvoll, wenn du geplante Biwaks machst. Für die Notfallreserve ist das Geld besser in anderen Teilen angelegt.
Was du nicht nehmen solltest, wenn es die einzige Reserve ist: die dünne Rettungsdecke aus Aluminiumfolie. Sie reißt beim Auspacken, fliegt bei Wind weg und lässt sich nicht noch einmal verwenden. Als Ergänzung im Erste-Hilfe-Set ist sie gut – als Ersatz für den Biwaksack nicht.
Salewa Storm I und II

Produktbild: VerticalExtreme
Der günstige Einstieg in den Notbiwaksack: beschichtetes Gewebe mit 10.000 mm Wassersäule, als Ein- oder Zweipersonenversion. Er kostet wenig, wiegt wenig und bleibt deshalb auch wirklich im Rucksack.
Vorteile- 10.000 mm Wassersäule – hält Regen und Schmelzwasser draußen
- als Ein- oder Zweipersonenversion erhältlich
- günstig genug, dass man ihn nicht zu Hause lässt
- beschichtetes Gewebe ohne Membran: innen wird es feucht
- nur für den Notfall gedacht, kein geplanter Biwaksack
Geeignet für: Die Notfallreserve im Rucksack – für den Wetterumschwung, die verlorene Stunde oder den Fuß, der nicht mehr mitmacht.
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Ein Sack für zwei
Wenn du überwiegend in der Zweierseilschaft gehst, ist ein Zweipersonensack die bessere Wahl als zwei einzelne: weniger Gewicht insgesamt, und zwei Körper in einem Sack halten sich gegenseitig warm. Dazu kommt ein Punkt, der erst im Ernstfall zählt – die Signalfarbe. Ein oranger Fleck im Schnee ist aus dem Hubschrauber sichtbar, ein grauer nicht.
Ortovox Bivy Double

Produktbild: VerticalExtreme
Biwaksack für zwei Personen in Signalorange. Die Farbe ist der eigentliche Punkt: aus dem Hubschrauber oder von der Gegenseite des Tals ist ein orangefarbener Fleck im Schnee sichtbar, ein grauer nicht.
Vorteile- für zwei Personen – zwei Körper halten sich gegenseitig warm
- Signalfarbe Shocking Orange, aus der Luft erkennbar
- ein Sack für die Seilschaft statt zwei einzelne
- zu zweit darin ist es eng
- wer allein unterwegs ist, trägt unnötig Material mit
Geeignet für: Zweierseilschaften auf Hochtouren, die eine gemeinsame Notfallreserve dabeihaben wollen.
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Der Fehler, den fast alle machen
Die meiste Wärme verlierst du nach unten, nicht nach oben. Wer im Biwaksack direkt auf Firn oder Fels sitzt, kühlt über den Boden aus, egal wie dicht der Sack ist.
Also: immer etwas zwischen Boden und Körper. Der leere Rucksack, das aufgeschossene Seil, ein Stück Isomatte, im Notfall auch die Steigeisen mit der Antistollplatte nach unten und etwas Stoff darüber. Das ist der Unterschied zwischen unangenehm und gefährlich.
Erste Hilfe: was wirklich gebraucht wird
Ein Erste-Hilfe-Set auf Hochtour ist kein Arztkoffer. Was auf alpinen Touren tatsächlich zum Einsatz kommt, ist ziemlich übersichtlich:
- Blasenpflaster – der mit Abstand häufigste Einsatz
- Elastische Binde – für verstauchte Knöchel und zum Fixieren von Verbänden
- Dreieckstuch – Armschlinge, Druckverband, Fixierung
- Sterile Wundauflagen und Pflaster in zwei Größen
- Tape – klebt Blasen ab, fixiert Finger, flickt Ausrüstung
- Einweghandschuhe – auch zum Eigenschutz
- Schmerzmittel, das du kennst und verträgst
- Rettungsdecke als Ergänzung
- Kleine Schere oder Verbandsschere
Was dazugehört und oft fehlt: Sonnencreme und Lippenbalsam mit hohem Faktor. Sonnenbrand ist am Gletscher die häufigste Verletzung überhaupt, und er kommt auch von unten – Nase, Ohren, Kinn und Nasenlöcher nicht vergessen.
Wichtig ist, dass das Set trocken bleibt. Ein Pflaster aus einem durchnässten Set klebt nicht, und im Rucksack wird am Gletscher irgendwann alles feucht.
Ortovox First Aid Waterproof

Produktbild: VerticalExtreme
Erste-Hilfe-Set im wasserdichten Beutel. Das ist der Unterschied, der zählt: ein Pflaster aus einem durchnässten Set hält nicht, und am Gletscher wird im Rucksack irgendwann alles feucht.
Vorteile- wasserdichte Hülle – der Inhalt bleibt brauchbar
- 240 g, also kein Grund es daheim zu lassen
- von einem Hersteller, der aus dem Alpinbereich kommt
- Verbrauchsmaterial muss man selbst nachfüllen und auf Verfallsdatum prüfen
- für eine mehrtägige Tour in abgelegenem Gelände eher die Grundausstattung
Geeignet für: Jede Hochtour – und zwar nicht als Beruhigung, sondern weil Blasen, Schnittwunden und Sonnenbrand die häufigsten Zwischenfälle sind.
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Zweimal im Jahr durchsehen: Verfallsdaten der Medikamente, Klebkraft der Pflaster, Vollständigkeit. Ein Set, das seit vier Jahren unangetastet im Rucksack liegt, ist unzuverlässig.
Licht ist Notfallausrüstung
Die Stirnlampe gehört in dieselbe Kategorie wie der Biwaksack: Du nimmst sie auf der Tagestour mit, obwohl der Plan sagt, dass du vor Sonnenuntergang zurück bist. Wenn der Plan nicht aufgeht, ist sie das Teil, das entscheidet, ob du weitergehen kannst oder sitzen bleiben musst.
Zwei Dinge zählen dabei mehr als die Lumenzahl:
- Austauschbare Energiequelle. Eine Lampe, die nur mit festem Akku läuft, ist nach einer langen Nacht leer. Lampen mit Hybrid-Konzept nehmen ersatzweise normale Batterien – und die kann man im Hüttenladen kaufen, einen Ladeanschluss nicht immer.
- Rotlicht. Blendet Seilpartner und Hüttenzimmer nicht, und als Blinklicht ist es ein Notsignal, das weit zu sehen ist.
Für den klassischen Nachtstart um drei Uhr reicht eine Lampe im Bereich um 600 Lumen locker. Wer viel im Dunkeln unterwegs ist und abends laden kann, profitiert von einer Lampe mit Lichtautomatik:
Petzl Swift RL

Produktbild: VerticalExtreme
1200 Lumen bei 92 Gramm, mit Sensor: die Lampe regelt die Helligkeit selbst, je nachdem ob man auf die Karte schaut oder den Weg sucht. Das verlängert die Laufzeit genau dann, wenn man nicht ans Dimmen denkt.
Vorteile- 1200 Lumen – leuchtet den Gletscher wirklich aus
- Reactive Lighting regelt die Helligkeit automatisch
- 92 g, das schmale Kopfband sitzt auch beim Laufen
- rotes Dauer- und Blinklicht als Notsignal
- nur Akkubetrieb – ohne Steckdose oder Powerbank ist irgendwann Schluss
- deutlich teurer als eine einfache Lampe
Geeignet für: Lange Nachtstarts, Trailrunning und alle, die den Akku abends laden können.
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Notruf und alpines Notsignal
Notrufnummern:
- 112 – funktioniert in der gesamten EU und in der Schweiz, auch ohne Guthaben und oft in fremden Netzen
- 140 – Alpinnotruf Österreich
- 1414 – Rega, Schweiz
Was du beim Notruf sagst: Wo (möglichst Koordinaten oder Tourenname und Höhe), was passiert ist, wie viele Betroffene, wer anruft, und wie das Wetter vor Ort ist. Dann auflegen und das Handy frei halten – die Leitstelle ruft zurück.
Alpines Notsignal, wenn kein Netz da ist: sechsmal pro Minute ein Signal – rufen, pfeifen, Lampe blinken, winken –, dann eine Minute Pause, dann wieder. Die Antwort lautet dreimal pro Minute. Wer das Signal hört, gibt es weiter.
Akku bei Kälte: Handys verlieren bei Minusgraden schnell Kapazität. Das Telefon gehört in eine Innentasche am Körper, nicht in die Deckeltasche des Rucksacks. Flugmodus verlängert die Laufzeit deutlich – nur zum Prüfen kurz einschalten.
Die Liste in Kurzform
Was auf jeder Hochtour dabei sein sollte, auch auf der kurzen:
- Biwaksack
- Erste-Hilfe-Set, wasserdicht verpackt
- Stirnlampe mit Reserveenergie
- Handy, am Körper getragen
- Rettungsdecke
- Ein Riegel mehr, als du einplanst
- Trockene Reservehandschuhe und Mütze
Das sind zusammen deutlich unter einem Kilo. Mehr Gewicht spart man an anderer Stelle leichter.
Fazit
Notfallausrüstung ist das einzige Material, bei dem der Erfolg darin besteht, dass man es nicht braucht. Genau deshalb landet es als Erstes im Keller, wenn der Rucksack zu schwer wird. Biwaksack, Erste-Hilfe-Set und Stirnlampe sind zusammen leichter als ein Liter Wasser – und sie sind die drei Teile, die aus einer verpatzten Tour eine unangenehme Nacht machen statt einer Rettungsaktion.
Häufige Fragen
Brauche ich auf einer Tagestour einen Biwaksack?
Ja. Die Fälle, in denen er gebraucht wird, sind fast immer Tagestouren, die länger dauern als geplant. Ein einfacher Notbiwaksack wiegt wenige hundert Gramm und kostet weniger als eine Hüttenübernachtung.
Was ist der Unterschied zwischen Biwaksack und Rettungsdecke?
Der Biwaksack ist ein belastbarer, wiederverwendbarer Sack aus beschichtetem Gewebe, der auch bei Wind hält. Die Rettungsdecke ist eine dünne Aluminiumfolie, die reißt und wegfliegt. Als Ergänzung ist sie sinnvoll, als Ersatz nicht.
Reicht ein beschichteter Biwaksack oder braucht es eine Membran?
Für den Notfall reicht beschichtetes Gewebe. Innen wird es feucht, das stimmt – aber nasse Kleidung im Windschutz kühlt deutlich weniger aus als trockene Kleidung im Wind. Eine Membran lohnt sich erst bei geplanten Biwaks.
Was gehört in ein Erste-Hilfe-Set für Hochtouren?
Blasenpflaster, elastische Binde, Dreieckstuch, sterile Wundauflagen, Pflaster, Tape, Einweghandschuhe, ein vertrautes Schmerzmittel, Rettungsdecke und eine Schere. Dazu Sonnencreme und Lippenschutz mit hohem Faktor. Alles wasserdicht verpackt.
Wie funktioniert das alpine Notsignal?
Sechsmal pro Minute ein sichtbares oder hörbares Signal geben, dann eine Minute Pause, dann wiederholen. Die Antwort besteht aus drei Signalen pro Minute. Wer ein Notsignal wahrnimmt, muss es weitergeben.
Welche Notrufnummer gilt in den Alpen?
112 funktioniert in der gesamten EU und in der Schweiz. In Österreich gibt es zusätzlich den Alpinnotruf 140, in der Schweiz die Rega unter 1414.



